Metro Gallery - Zurich, Switzerland


 

                       

 


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1 Dezember 2011 - 11 Februar 2012
verlängert bis 10. März
 
Collaborative work by
MICHAEL STEINER & PATRICK LO GIUDICE
"Heidi Wonderland"
Encaustic paintings by Patrick Lo Giudice
based on screenshots of Franz Schnyder’s Movie "Heidi und Peter" (1955, Praesens-Film)


Vernissage: Donnerstag, 1. Dezember 2011, ab 17h00 bis 22h00
 
In Anwesenheit der Künstler.


ABOUT EXHIBITION

LIST OF WORKS

PRESS RELEASE (PDF)

ARTISTS INFO
     Michael Steiner
     Patrick Lo Giudice


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Heidi Wonderland und neue Ästhetik

Hei - was soll das? Heidi in einer Galerie für zeitgenössische Kunst? Usgrächnet Heidi! Das meistgelesene Buch aus der Schweiz, übersetzt in über 50 Sprachen, über ein Dutzend Mal verfilmt und genauso oft in TV-Serien und in Comics nacherzählt. Kommerziell verbraten in Form von Heidiwasser oder Heidiland.

Das unvergängliche Meisterwerk der Kinderliteratur ist ein Fluch, der unser Land in ein Klischee verwandelt hat, welches wir nur kopfschüttelnd als Anachronismus gegenüber ausländischen Besuchern erklären können. Äxgüsi: nicht können - müssen! Ja, es ist schon seit geraumer Zeit ein Reflex, Touristen sofort aufzuklären, dass Heidi und die moderne Schweiz nichts miteinander zu tun haben. Ja, wir fassen den heidibeseelten Touristen als Beleidigung auf. Alle sind sie verblendete Suchende, die einer Sehnsucht folgen, welche uns als Ziegenhirten und Analphabeten romantisiert. Wir sind nicht so und wir waren auch nicht so, als Frau Spyri 1880 ihr Buch drucken liess.

Entweder man schaut nach diesen aufklärenden Voten generös über das nun etwas enttäuschte, aber leider immer noch schwelgende Lächeln des Touristen hinweg. Oder man zieht ihm für genau dieses ungläubige Lächeln das Geld aus der Tasche. Als Obolus für Unbelehrbarkeit. Oder aus niederen Motiven wie Rache oder Geldgier.

Das mit dem Geld ist den Touristen zwar auch zu Ohren gekommen. Einige wissen die moderne Schweiz deswegen zu schätzen. Sie horten und verwalten hier ihr Vermögen und freuen sich, wenn der Schweizer Bankier sagt: „In Gold we trust“. Doch auch diese modernen Menschen haben in ihrer Kindheit den Heidimythos eingeimpft gekriegt, lasen oder sahen die Heidisaga und fahren mit ihren Familien nach dem Besuch am Zürcher Paradeplatz in die Berge, wo sie ein Hotel oder gar ein Eigenheim empfängt. Gerne verbringen sie ihre wertvolle Zeit in „Heidi Wonderland“. Warum bloss? Warum ist Heidi bekannter als Roger Federer?

Weil Heidi eine zeitlose Figur verkörpert, die auch in schwierigen Zeiten das Herz am rechten Fleck hat. Heidi ist nicht das in die Berge zurückgezogene Geschöpf, das sich den gesellschaftlichen Veränderungen verweigert. Heidi geht ins Ausland (nach Deutschland) und lernt dort lesen, weil sie die Herausforderungen der Moderne erkennt und mit offenen Augen durchs Leben geht. Sie nimmt die guten Dinge der industrialisierten Gesellschaft mit, verweigert sich aber neuen Konventionen, welche sie als unsinnigen modischen Zwang oder schlicht als Entmenschlichung betrachtet. Sie rebelliert gegen alles, was in ihren Augen nicht der Natur entspricht und den Menschen entwurzelt. Sie ist ein geerdeter Weltenbürger, dessen Kern nicht korrumpierbar ist. Im Gegensatz zu ihrem Freund, dem Geissenpeter, der sich vor allem Fremden und Neuem fürchtet und darum auch nicht bereit ist, Lesen zu lernen, um neue Horizonte zu öffnen. Unser Heidi aber bringt sogar diesen Sterotypen eines verstockten Berglers dazu, sein Herz zu öffnen und ihrer Lebensphilosophie zu folgen. Ihre intuitive Weisheit macht selbst einem gehbehinderten Grossstadtkind wieder neue Beine. Dieses talentierte Beharren gegenüber Dritten, beruhend auf der Unbeirrbarkeit von Heidis Seele, wird geführt und genährt durch ihre Verbundenheit mit der Natur. Das macht Heidi unbestechlich und somit zu einem zeitlosen weisen Charakter, den jedes Kind versteht und als moralisches Leitbild annimmt. Johanna Spyris Heidibücher, enstanden in einer Zeit starker gesellschaftlicher Veränderung, stellen einen Leuchtturm dar, dessen Licht nicht schwächer wird. Dieses Licht schützt noch heute – auch eine Zeit heftiger gesellschaftlicher Umwälzungen - unser Land und verpackt es in einen Mythos, der die kritische Betrachtung des Bankenstaates Schweiz relativiert. Er lässt uns in freundlichem Lichte erscheinen, so dass nicht gleich unterstellt wird, unser Wesenskern sei die Raffgier. Heidi ist darum nicht ein Auslaufmodell, sondern eine Schutzpatronin, die sogar der bewaffneten Helvetia auf unseren Münzen einen feinen Charakter verleiht, sollte sich der Tourist das Geldstück mal genauer anschauen.

Dieses Bild unseres Landes sollten wir nicht bekämpfen, sondern bewahren. Inklusive Klischees und Romantisierung. Wenn es dafür eine visuelle Umsetzung gibt, dann die von Kritikern als tourismusaffinen Kitsch gebrandmarkte Verfilmung „Heidi und Peter“ (1955) von Franz Schnyder. Schnyder hat in seinem Film die Natur, aus der Heidis Charakter schöpft, als Reigen von Postkartenbilder inszeniert und einen Film gedreht, der dem Herz der Romanvorlage entspricht. Die Integration der Hauptdarsteller in die romantisierte Landschaft funktioniert perfekt und die Ästhetik des Technicolors generiert eine Überhöhung der Romantisierung. Unwirklich, traumhaft. Die Bilder erinnern an die Gemälde der Impressionisten, welche - wie Schnyder - die Absicht hegten, das Auge anders als gewohnt zu führen, um somit neue Welten des Sehens zu schaffen.

Kombiniert man die besten Standbilder des Filmes mit der einmaligen Wachstechnik des Künstlers Patrick Lo Giudice, multipliziert sich der Effekt, da der Wachs in Schichten aufgetragen dem Bild Unschärfen und Tiefen gibt, so dass sich eine neue Ästhetik offenbart, eine Überhöhung der Überhöhung sozusagen, welche Wachsschicht um Wachsschicht das Auge und das Herz des Betrachters entzückt: Heidi Wonderland eben.

Michael Steiner


 

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